Wieder eine durchwachte Nacht in der ukrainischen Hauptstadt: In den frühen Stunden des Montags hat Russland Kiew mit einer der schwersten Angriffswellen der vergangenen Wochen überzogen. Explosionen erschütterten die Stadt, Menschen suchten in U-Bahn-Stationen Schutz, und am Morgen zählten die Rettungskräfte die Opfer.
Neun Tote in der Hauptstadt
Nach Angaben der Kiewer Militärverwaltung kamen in der Stadt mindestens neun Menschen ums Leben, mehrere Dutzend wurden verletzt, darunter mehrere Kinder. Rechnet man die Todesopfer im Umland hinzu, liegt die Zahl noch höher. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von rund einem Dutzend Toten im Großraum Kiew und etwa 60 Verletzten allein in der Stadt.
Getroffen wurden vor allem Wohnviertel. In mehreren Bezirken brannten Gebäude, Fensterscheiben zerbarsten, und die Strom- und Wasserversorgung fiel in Teilen der Stadt aus, wie Euronews berichtet.
Hunderte Drohnen, Dutzende Raketen
Das Ausmaß des Angriffs war enorm. Nach Darstellung der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland in einer einzigen Nacht 351 Drohnen sowie 68 Raketen und Marschflugkörper ein, insgesamt mehr als 400 Flugkörper. Der Großteil davon konnte abgefangen werden: Die Flugabwehr meldete 326 zerstörte Drohnen und 37 abgeschossene Raketen.
Doch ausgerechnet die gefährlichsten Geschosse blieben unaufhaltsam. Von den 29 abgefeuerten ballistischen Raketen konnte keine einzige abgefangen werden. Gegen diese besonders schnellen Waffen ist die Ukraine fast ausschließlich auf westliche Patriot-Systeme angewiesen, deren Abfangraketen jedoch knapp und teuer sind.
Selenskyj beklagt Munitionsmangel
Genau diese Lücke rückte Selenskyj in den Mittelpunkt seiner Reaktion. Der ausbleibende Schutz gegen die ballistischen Raketen sei kein Zufall, sondern Folge eines chronischen Mangels an Abfangmunition. Die Ukraine verfüge zwar über mehrere Patriot-Batterien, es fehle aber an den passenden Flugkörpern, um sie dauerhaft einsatzbereit zu halten.
Der Zeitpunkt des Angriffs war für Kiew politisch heikel: Er fiel in die Tage unmittelbar vor einem Nato-Gipfel, bei dem die westliche Militärhilfe erneut auf der Tagesordnung steht. Selenskyj nutzte die Nacht, um seinen Appell an die Verbündeten zu erneuern, die Luftverteidigung des Landes dringend zu verstärken.
Alarm auch jenseits der Grenze
Die Wucht des Angriffs war bis nach Mitteleuropa spürbar. Wie schon bei früheren Großangriffen ließ das benachbarte Polen vorsorglich Kampfjets aufsteigen und versetzte seine Luftverteidigung in erhöhte Bereitschaft, um den eigenen Luftraum nahe der Grenze zu sichern. Direkte Angriffe auf polnisches Gebiet gab es nicht.
Für die Menschen in Kiew bleibt nach dieser Nacht vor allem eine bittere Erkenntnis: Solange die Vorräte an Abfangraketen nicht reichen, bleibt der Himmel über der Stadt gegen die schwersten russischen Waffen weitgehend offen.



