Die europäische Stahlindustrie bekommt einen kräftigen Schutzwall: Brüssel schränkt die Einfuhr von Stahl aus Drittländern seit dem 1. Juli deutlich ein.
Weniger zollfrei, mehr Zoll
Nach Angaben mehrerer Medien dürfen künftig nur noch 18,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zollfrei in die EU eingeführt werden – rund die Hälfte der bisher erlaubten Menge. Für alle Einfuhren darüber hinaus wird ein Zoll von 50 Prozent fällig, doppelt so hoch wie zuvor. Beschlossen hatten die EU-Institutionen die schärferen Schutzmaßnahmen bereits im Frühjahr; nun sind sie in Kraft.
Das Problem: ein globaler Stahl-Überschuss
Hintergrund der Maßnahme ist ein weltweiter Überschuss an Stahl. Vor allem Länder wie China, aber auch Indien und die Türkei produzieren weit mehr, als sie selbst verbrauchen, und drängen mit günstigem Stahl auf den Weltmarkt. Für europäische Werke, die unter hohen Energiekosten und dem teuren Umbau zu klimafreundlicher Produktion leiden, ist dieser Preisdruck gefährlich. Die neuen Regeln sollen verhindern, dass billige Importe die heimische Produktion verdrängen.
Die Industrie ist erleichtert
Bei den Stahlherstellern ist die Erleichterung groß. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl begrüßte die Entscheidung und sprach von einem unverzichtbaren Schritt, um faire Wettbewerbsbedingungen und Arbeitsplätze zu sichern. Für Deutschland als bedeutenden Stahlstandort – mit Konzernen wie Thyssenkrupp und Salzgitter – geht es dabei um Zehntausende Jobs und um die Grundlage vieler weiterverarbeitender Branchen.
Doch nicht alle jubeln
So klar der Nutzen für die Stahlwerke ist, so gemischt fallen die Reaktionen bei den Abnehmern aus. Vor allem die Autoindustrie und der Maschinenbau brauchen große Mengen Stahl – und fürchten nun steigende Kosten. Werden Importe teurer, könnten auch die heimischen Preise anziehen. Kritiker warnen daher, ein zu strenger Schutz könne den einen Teil der Industrie stützen und den anderen belasten. Zudem laden Zölle stets zu Gegenmaßnahmen der Handelspartner ein.
Ein Balanceakt
Die EU steht damit vor einem klassischen Dilemma der Handelspolitik: Sie muss die eigene Grundstoffindustrie vor unfairer Konkurrenz schützen, ohne die Verarbeiter zu überfordern oder Handelskonflikte anzuheizen. Die Schutzmaßnahmen sollen regelmäßig überprüft werden. Ob sie den erhofften Effekt bringen – oder vor allem die Preise treiben –, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.



