Es ist ein Bild, das mit einer Abwesenheit spielt. Wer das offizielle Porträt von Angela Merkel zum ersten Mal sieht, sucht unwillkürlich nach der Raute – jener vor dem Bauch geformten Handhaltung, die zwei Jahrzehnte lang zum Erkennungszeichen einer Ära wurde. Sie fehlt.

Ein Debütant für die Kanzlergalerie

Enthüllt wurde das Werk am 30. Juni im Berliner Bode-Museum. Gemalt hat es der deutsch-französische Künstler Jérémie Queyras, Jahrgang 1997, aufgewachsen in Freiburg, ausgebildet in Paris und London. Mit 28 Jahren ist er ein bemerkenswert junger Name für eine Tradition, die weit zurückreicht: Schon Helmut Schmidt hatte sich seinerzeit für einen ungewöhnlichen Maler entschieden. Dass Merkel einen Debütanten wählte, dessen Arbeit sich zwischen klassischer Porträtmalerei und der Auseinandersetzung mit digitalen Bildwelten bewegt, war eine bewusste Entscheidung.

Licht statt Pose

Die Präsentation trägt den Titel „Spuren der Macht", und der ist Programm. Ein hartes Seitenlicht fällt auf Merkels Gesicht und modelliert genau das heraus, worauf der Titel zielt: was zwei Jahrzehnte an der Staatsspitze in einem Gesicht hinterlassen. Anders als viele ihrer Vorgänger ließ sich die Altkanzlerin stehend malen, leicht überlebensgroß, in einem kräftig blauen Blazer vor gold-braunem Grund. Das Blau habe sie selbst gewählt, heißt es – wegen seiner standhaften, bestimmten Wirkung.

Das Ergebnis ist bewusst kein schmeichelndes Bild, sondern ein konzentriertes. Merkel selbst gab dem Werk auf ihre trockene Art den Segen. Nach dem Ende ihrer Amtszeit habe sie erst Abstand gebraucht, bevor sie den Auftrag vergab; den Prozess habe sie dann regelrecht genießen wollen. Über ihren künftigen Platz in der Ahnengalerie bemerkte sie lakonisch, dann hänge sie eben dort.

Ein Köder für junge Augen

Dass das Porträt vor seiner endgültigen Bestimmung nicht direkt ins Kanzleramt wandert, sondern für einige Monate öffentlich auf der Museumsinsel gezeigt wird, ist kein Zufall. Der Ort mitten im Unesco-Welterbe soll ein breites und ausdrücklich auch jüngeres Publikum anziehen. Die Kombination aus einem 28-jährigen Maler, einer Bildsprache, die mit den Mitteln der Gegenwart arbeitet, und einer Politikerin, die für viele junge Menschen die politische Konstante ihrer Kindheit war, wird als Brücke zwischen den Generationen inszeniert.

Im Herbst endet das Gastspiel: Dann soll das Bild an das Kanzleramt übergeben werden, um in der Galerie der Regierungschefs seinen dauerhaften Platz zu finden. Bis dahin aber gehört die leuchtende Merkel dem Museumspublikum – ohne Raute, aber mit Spuren.