Einfach mal für ein paar Wochen in eine fremde Stadt ziehen – kostenlos, möbliert, und mit Forschern, die jeden Eindruck auswerten: Das war die Idee hinter dem Görlitzer Probewohnen.
Eine Stadt als Versuchslabor
Das bundesweit beachtete Experiment an der deutsch-polnischen Grenze startete 2015 und lief über fast ein Jahrzehnt. Koordiniert wurde es vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) mit seinem Görlitzer Zentrum, gefördert vom Bund. Die Grundidee: Wer eine schrumpfende Stadt neu beleben will, muss verstehen, was Menschen anzieht – und was sie abschreckt. Interessierte bewarben sich, zogen für einige Wochen in vollständig eingerichtete Wohnungen und brachten im Gegenzug ihre Eindrücke und Ideen in die Forschung ein.
Jeder Zehnte blieb
Über die Jahre bewarben sich mehrere Hundert Menschen; ausgewertet wurden nach Angaben der Forschenden die Daten von rund 260 Teilnehmenden – darunter viele junge Familien und Menschen um die 50, deren Kinder aus dem Haus sind. Das zentrale Ergebnis klingt auf den ersten Blick bescheiden: Etwa jede zehnte teilnehmende Person zog später tatsächlich dauerhaft nach Görlitz. Gemessen am Ziel, die Stadt als Wohnort erfahrbar zu machen, werten die Wissenschaftler das dennoch als Erfolg.
Was zieht – und was abschreckt
Die Auswertung benennt konkrete Stärken und Schwächen. Als Pluspunkte nannten die Teilnehmenden erschwingliche Mieten, kurze Wege, viel Naherholung und ein lebendiges Stadtbild ohne Großstadtstress. Kritisch sahen viele dagegen den auf Tourismus ausgerichteten Einzelhandel, den Autoverkehr in der Innenstadt und die im Alltag kaum spürbare Identität als europäische Grenzstadt zur polnischen Nachbarstadt Zgorzelec.
Empfehlungen über Görlitz hinaus
Ihre Erkenntnisse haben die Forscher in einer Handreichung gebündelt – ausdrücklich auch für andere kleine und mittlere Städte mit ähnlichen Problemen. Der Tenor: Statt neuer Einfamilienhäuser am Rand sollten sanierte Altbauten in zentraler Lage im Mittelpunkt stehen, Rad- und Fußverkehr aufgewertet und das eigene Nachhaltigkeitsprofil sichtbar gemacht werden – denn das spreche genau jene Menschen an, die langfristig bleiben.
Wie es weitergeht
Das klassische Probewohnen ist abgeschlossen, doch Görlitz experimentiert weiter. Seit 2025 läuft ein Nachfolgeformat, das sich an Beschäftigte des neuen Deutschen Zentrums für Astrophysik richtet, das sich in der Stadt ansiedelt. Die Frage, ob ein Großforschungszentrum eine Stadt strukturell verändern kann, soll nun mit denselben Methoden begleitet werden, die Görlitz neun Jahre lang zu einem lebenden Labor gemacht haben.



