Ein leerer Klavierhocker, und doch erklingt Musik: Die Tasten sinken in perfektem Rhythmus, die Pedale reagieren auf unsichtbare Füße, der Klang trägt alle Nuancen einer menschlichen Interpretation. Was Konzertbesucher bei Aufführungen mit einem selbstspielenden Flügel erleben – zuletzt etwa bei Veranstaltungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland –, ist kein Zaubertrick, sondern Ingenieurskunst.

Eine Erfindung aus dem Schwarzwald

Die Idee ist älter, als viele vermuten. Die Firma M. Welte & Söhne, 1832 im Schwarzwald gegründet und später in Freiburg im Breisgau ansässig, brachte 1905 das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier heraus. Auf gelochte Papierrollen wurden nicht nur Noten und Tempo gespeichert, sondern auch die Anschlagsdynamik des Pianisten – das Instrument konnte das Eingespielte anschließend weitgehend originalgetreu wiedergeben.

Das war eine Sensation. Zahlreiche bedeutende Pianisten jener Zeit ließen ihr Spiel in Freiburg aufzeichnen. Solche historischen Rollen sind heute eine wertvolle Quelle: Sie lassen uns hören, wie Musikerinnen und Musiker vor mehr als hundert Jahren tatsächlich spielten – nicht, wie wir heute vermuten, dass sie geklungen haben könnten.

Vom Lochstreifen zum Lasersensor

Was Welte mit Papierrollen begann, hat der japanische Hersteller Yamaha mit dem Disklavier ins digitale Zeitalter überführt. Hochempfindliche Sensoren erfassen jede Taste, jedes Pedal und jede Abstufung der Anschlagstärke und können das Spiel später exakt reproduzieren. Über das Internet lässt sich ein Spiel sogar in Echtzeit an einen Flügel an einem anderen Ort übertragen: Drückt eine Pianistin hier eine Taste, bewegt sich dieselbe Taste andernorts – in derselben Stärke, im selben Moment.

Faszination und Streitfrage

Was macht den Reiz solcher Konzerte aus? Es ist das Paradox aus Abwesenheit und Präsenz. Kein Pianist sitzt am Instrument, und doch ist die Handschrift des Interpreten hörbar – im leichten Zögern vor einem Akkord, in der Art, wie das Pedal gehalten wird. Die Maschine spielt, aber sie spielt einen Menschen nach.

Nicht alle sind uneingeschränkt begeistert: Manche vermissen die körperliche Gegenwart, den Nervenkitzel des Live-Moments, das Risiko des Scheiterns. Ein selbstspielender Flügel scheitert nicht – er wiederholt präzise, was einmal war. Ob das dieselbe Wärme hat wie ein lebendiges Konzert, darüber lässt sich trefflich streiten. Sicher ist nur: Ein Flügel, der wie von Geisterhand spielt, lässt selten jemanden gleichgültig.