Es war im April 1946, als beim Patentamt in Italien ein ungewöhnliches Dokument einging: der Entwurf für ein Zweirad, dessen Mechanik unter einer geschlossenen Verkleidung verschwand. Der Erfinder war Corradino D'Ascanio, ein Luftfahrtingenieur – und bekennender Motorradskeptiker. Genau deshalb dachte er das Zweirad neu.
„Sieht aus wie eine Wespe"
D'Ascanio entwarf im Auftrag von Firmenchef Enrico Piaggio ein erschwingliches Fahrzeug für das zerstörte Nachkriegsitalien: mit tragendem Metallgehäuse statt Rahmen, Schaltung am Lenker und einem durchgehenden Trittbrett, das bequemes Sitzen erlaubte. Als Piaggio den fertigen Roller sah, soll er gerufen haben, das Gefährt sehe aus wie eine Wespe – auf Italienisch „vespa". Der Name blieb. Gebaut wird die Vespa bis heute im Stammwerk in Pontedera in der Toskana (Wikipedia).
Motor des Wirtschaftswunders
Im ersten Jahr liefen nur wenige Tausend Exemplare vom Band, doch der Absatz explodierte. Ratenfinanzierung machte den Roller auch für Arbeiterfamilien erschwinglich; die Vespa wurde zum Sinnbild des italienischen Wirtschaftswunders. Über die Jahrzehnte entstanden nach Angaben von Il Sole 24 Ore knapp 20 Millionen Exemplare, gebaut inzwischen auch in Werken in Asien.
Vom Kinohit zum Kult
Den Sprung zur Weltikone schaffte die Vespa 1953: Im Film „Ein Herz und eine Krone" knattern Audrey Hepburn und Gregory Peck durch Rom – eine Szene, die bis heute für Leichtigkeit und Lebensfreude steht. In Großbritannien wiederum machten die „Mods" der 1960er-Jahre den Roller zum Kult: fein gekleidet, die Maschinen mit Spiegeln und Chrom geschmückt, in bewusster Abgrenzung zu den Rockern auf ihren schweren Motorrädern.
80 Jahre jung – und elektrisch
Heute fährt die Vespa auch leise: Seit einigen Jahren gibt es eine vollelektrische Variante mit App-Anbindung – im Design, das unverkennbar an 1946 erinnert. Zum 80. Geburtstag legt Piaggio Sondermodelle auf. Der Mann, der Motorräder eigentlich nicht mochte, hat damit eines der berühmtesten Zweiräder der Geschichte geschaffen.



