In Istanbul ist die alljährliche Pride-Demonstration erneut von der Polizei aufgelöst worden. Nach Angaben von Beteiligten und Berichten nahmen die Einsatzkräfte am Wochenende mehr als 50 Menschen fest, die trotz des Verbots ein Zeichen für die Rechte queerer Menschen setzen wollten.
Verbot und Großaufgebot
Schon im Vorfeld hatte der Istanbuler Gouverneur Davut Gül deutlich gemacht, dass keine Kundgebung geduldet werde. Aufrufe zur Pride, die „den gesellschaftlichen Frieden, die Familienstruktur und die moralischen Werte untergraben", seien untersagt, schrieb er auf der Plattform X. Entsprechend rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an. Der Taksim-Platz, einst zentraler Versammlungsort der Istanbul Pride, war früh weiträumig abgesperrt. Die Demonstrierenden wichen daraufhin auf kleinere, dezentrale Aktionen aus, die die Polizei jedoch ebenfalls auflöste.
Ein Verbot, das Jahr für Jahr greift
Die Istanbul Pride war einst die größte Veranstaltung ihrer Art in einem mehrheitlich muslimischen Land und zog zu ihren Hochzeiten zehntausende Teilnehmende an. Seit 2015 ist sie verboten. Seither versuchen Aktivistinnen und Aktivisten jedes Jahr trotzdem, auf die Straße zu gehen – und treffen jedes Mal auf Polizeisperren, Festnahmen und Auflösungen. Die Behörden begründen das Vorgehen mit dem Schutz der öffentlichen Ordnung.
Symbol einer härteren Linie
Das harte Vorgehen steht für eine zunehmend restriktive Haltung der türkischen Führung gegenüber sexuellen Minderheiten. Regierungsvertreter haben in den vergangenen Jahren wiederholt gegen das benannt, was sie „LGBT-Propaganda" nennen, und damit ein gesellschaftliches Klima geprägt, in dem queeres Leben unter Druck gerät. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Festnahmen regelmäßig als unverhältnismäßigen Eingriff in die Versammlungs- und Meinungsfreiheit.
Sichtbarkeit trotz Repression
Dass die Pride trotz Verbots und absehbarer Festnahmen jedes Jahr stattfindet, ist für viele Beteiligte gerade der Punkt: Die bloße Sichtbarkeit ist Teil des Protests. Auch in diesem Jahr ließen sich Hunderte davon nicht abhalten, kurzzeitig Präsenz zu zeigen, ehe die Polizei eingriff. Wie viele der Festgenommenen länger in Gewahrsam bleiben oder mit Anzeigen rechnen müssen, war zunächst offen.



